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Bauphysik für jedermann - Teil 4
Der Schrank und die Bauphysik
(Luftfeuchte, Taupunkt, Kondensat, Schimmel, Lösungen)
Schimmel hinterm Schrank im Schlafzimmer
4.1 Theorie: ein Rechenbeispiel
4.2 Praxis: ein Mess- und Beratungs-Beispiel


weiterführend: Gutachten zu Schimmel | Lösungen gegen Schimmel
  ■ Beratung & Hilfe  
 
 

 




Falls Sie solche Tipps bekommen "Um Feuchtigkeitsnester zu vermeiden, sollten große Möbelstücke, wie Schränke, nicht an Aussenwänden stehen. Ist dies nicht zu vermeiden, sollte ein Abstand von mindestens 5-10 cm zur Aussenwand eingehalten werden, um eine Luftzirkulation hinter den Möbeln zu erreichen." - ist Vorsicht geboten. Denn das ist nur die Viertel Wahrheit (also noch nicht einmal die halbe).

Liebe Bauherren und Bewohner (von Häusern und Wohnungen), das ist Mumpitz. Ihnen helfen nicht einmal 12 cm, wenn
- der Schrank groß ist und fast die gesamte Wandfläche abdeckt
- der Schrank groß ist und fast bis an die Decke reicht
- der Schrank keine Füße hat, also auch unten durch eine Blende die Luftzirkulation unterbunden wird
- der Schrank auf mindestens einer Seite so nah an der Wand steht, dass auch da keine Zirkulation stattfindet
- der Schrank so groß ist, dass es strömungstechnisch unmöglich ist, dass die gesamte Fläche
  hinreichend angeströmt wird
- der Raum - oft handelt es sich um das Schlafzimmer, wo das so gewünscht und sinnvoll ist - schwach beheizt wird.

Tipps, wie man Schimmel im Schlafzimmer hinterm Schrank vermeidet:
- vermeiden Sie die oben beschriebenen Fehler. sofern möglich
- gehen sie auf Nummer "Sicher" durch eine Temperierung der gefährdeten Bereiche


Bauphysik für jedermann - Teil 4
Der Schrank und die Bauphysik:
4.1 Theorie: ein Rechenbeispiel


Wenn Sie unvorbereitet in diesen Artikel hineinschlittern, ist es vielleicht besser, dass Sie - sofern noch nicht sattelfest vorhanden - die Grundlagen aneignen. Anderen Falls werden diese Ausführungen das bestätigen, was Sie bereits wussten oder vermuteten.

:: Bauphysik für jedermann - Teil 3:
   Tauwasser, Taupunkttemperatur, Taupunkttabelle
(2009)
:: Taupunkttabelle, Taupunkttemperatur
(03.2008)

Das ist nicht alles, was man über die bauphysikalischen Hintergründe der Entstehung von und der Prophylaxe gegen Schimmel wissen sollte. Zugang zu mehr an Hintergrundwissen erhalten Sie auf der Auswahlseite.

 :: Bautechnik, Bauphysik

Schauen wir nun, wie kompliziert oder einfach die Sache ist. Nehmen wir zunächst ein theoretisches Beispiel mit einer theoretischen Berechnung, um dann das Ganze anhand eines Praxisbeispiels zu überprüfen.



Tabelle 1: U-Wert-Berechnung für die Referenzwand nach herkömmlichem Schema


Als Referenzwand nehmen wir eine 38 cm dicke Ziegelwand mit einer rohdichte r = 1.400 kg/m². Diese Wand ist innen und außen geputzt, der U-Wert betrage 1,14 W/m²K. Solch ein Beispiel kommt in der Praxis sehr oft vor. Die U-Wert-Berechnung ist eine reine Tabellenkalkulation, die an sich keine Herausforderung darstellt. Man sollte aber wenigstens wissen, dass - trotz einer durch drei Nachkommastellen vorgegaukelten Genauigkeit - dieses Verfahren lediglich eine grobe Schätzung liefert. Für eine oberflächliche / oberflächige und schematische Betrachtung reicht dieses Schätzkeulen-Ergebnis jedoch aus.




Bild 1: Referenzwand, Temperaturdurchgang nach U-Wert-Theorie


Hinlänglich bekannt sind auch diese Temperaturkurven für die so genannte Tauperiode. Das ist der Zeitraum gem. Glaser-Verfahren, wo für innen +20°C und für außen -20°C anzusetzen sind. Die Feuchte wird mit 50% innen und 80% außen angenommen. Tauperiode im Winter bedeutet, dass nach herrschender Lehrmeinung im Winter die Hauswände feucht werden, die dann im Sommer, in der Verdunstungsperiode austrocknen.

Selbst Oma Krause weiß, dass es genau umgekehrt ist: im Winter werden die Wände trocken, denn sie werden trocken geheizt. Im bauphysikalischen Fachjargon heißt das: gekoppelter Wärme-Feuchte-Transport. Weiterhin weiß Oma Krause, dass man im Sommer tagsüber die Fenster zulässt, insbesondere die Kellerfenster. Gelüftet wird sinnvoller weise erst in den Abendstunden. Tagsüber würde man die Kondensation feucht-warmer Luft im Gebäude fördern. Im bauphysikalischen Jargon heißt das: im Sommer ist das Dampfdruckgefälle nach innen gerichtet. Leider hat sich der Kenntnisstand von Oma Krause noch nicht so richtig in Fachkreisen manifestiert.

Wie dem auch sei, für eine überschlägige Tauwasserberechnung reicht das Glaser-Verfahren. Problematisch wird es erst, wenn man der mit utopischen Randbedingungen, zahlreichen Vereinfachungen und Weglassungen überfrachteten Theorie glaubt. Es genügt eben nicht, wenn die theoretische Verdunstungsmenge größer ist als die theoretische Tauwassermenge. Wer das glaubt, hat noch nichts von kapillarem Wassertransport gehört. Prof. Hauser hat in seinem im Januar 2003 veröffentlichten Forschungsbericht sehr deutlich diese Defizite herausgestellt.

Die Tauwasserbilanz nach Glaser-Verfahren weist 420 g/m² pro Tauperiode aus. Das dürfen wir als unschädlich betrachten. Zum einen lässt die DIN 4108 1.000 g/m² zu und die Verdunstungsmenge beträgt 1.470 g. Nun könnte man beruhigt durchatmen, weil die DIN Entwarnung gibt. Man kann aber auch auf die Idee kommen zu fragen, was 0,4 Liter Wasser je m² bewirken. Oma Krause weiß, dass nasse Kleidung nicht so warm hält wie trockenen, deshalb hängt sie ihren Pullover erst mal auf.

Auf die Frage, ob 0,4 oder 1,0 Liter Wasser je m² die Wärmeleitfähigkeit der Wandmaterialien beeinflussen, wollen wir an dieser Stelle nicht eingehen. Lassen wir es mal so stehen, dass bei einer 3 x 10 m großen Wandscheibe 12 Liter Wasser nichts bewirken. Das Tauwasser entsteht übrigens in der Zone Mauerwerk-Außenputz bis Oberfläche Außenputz.




Bild 2: dieselbe Referenzwand mit einem Wäscheschrank davor


Bild 2 zeigt uns nun die Situation, wenn ein Schrank vor die Referenzwand gestellt wird. da Sie nun schon viel über Schimmel im Schlafzimmer gehört und gelesen haben, befürchten Sie mit recht, dass negative Auswirkungen zu erwarten sind. Der Schrank im Schlafzimmer, hier mit Handtüchern darin, wirkt als Innendämmung. Schön, wird nun mancher sagen, da sparen wir halt noch mehr an Heizenergie, denn eine Innendämmung dämmt ja wohl. Leider überwiegt hier der negative Aspekt der niedrigen Oberflächentemperaturen und der damit verbundenen Tauwasserbildung. Der U-Wert der Wand mit dem Schrank als Innendämmung beträgt übrigens nur noch sensationelle 0,11 W/m²K.




Bild 3: Referenzwand mit Schrank als Innendämmung, Temperaturdurchgang nach U-Wert-Theorie


Der Schrank als Innendämmung dämmt jetzt so gut, dass im Rauminneren (diesseits der Oberfläche der Außenwand) Minusgrade entstehen. Das Temperaturgefälle im Bereich der Handtücher geht von +18,2°C bis -15,2°C. Das ist die simple Erklärung dafür, dass es schon zum gefrieren von Wäsche im Schrank im Schlafzimmer gekommen ist.

Nun gibt es ganz Schlaue, die den Leuten einreden, mit einem WDVS (Außenwanddämmung, Vollwärmeschutz) könnte man dieses Problem beheben. Dahergeredet ist so schrecklich viel, schauen wir also lieber, was die Berechnung ergibt. Der U-Wert beträgt nur noch 0,08 W/m²K, er ist fast schon nicht mehr da. Dieses Energie-Spar-Wunder gelingt uns mit 16 cm Wärmedämmung WLG 040 (also l = 0,04 W/mK).




Bild 4: wie Bild 3, aber mit einem WDVS an der Außenwand



Bild 5: Referenzwand mit Schrank als Innendämmung und WDVS, Temperaturdurchgang nach U-Wert-Theorie


Das Temperaturverlaufsbild scheint den Unkern recht zu geben. Das Temperaturgefälle im Bereich der Handtücher geht jetzt von +18,8°C bis -4,4°C, vorher waren es +18,2°C bis -15,2°C. Wichtig ist zudem der Vergleich der Oberflächentemperatur der Wand: sie steigt von -16,8°C auf nur noch -5,4°C. Das beweist: Dämmung dämmt. Schön, nicht?

Für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh. Was hat uns das 100 €/m² teure WDVS genutzt? Ist jetzt die Gefahr von Schimmel infolge Tauwasser gebannt? Nein.

Keine noch so dicke Dämmung kann die Oberflächentemperatur der Außenwad innen so anheben, dass die Schimmelgefahr gebannt wird Das heißt, nicht in unserem Beispiel mit dem Schrank im Schlafzimmer vor der Außenwand. Die Zieltemperatur beträgt rd. +13°C, diese Oberflächentemperatur muss mindestens erreicht werden. Wobei noch als weitere Randbedingung die Luftfeuchte zu Berücksichtigen ist. Die soll in Raummitte bei +20°C bei 50% liegen.

Fassen wir kurz zusammen:
Es gibt zwei Randbedingungen
1.) Oberflächentemperatur mind. rd. +13°C
2.) rel. LF bei Normaltemperatur ca. 50%

Warum das so ist, zeigt ein simples Rechenbeispiel. Dazu nehmen wir die Taupunkttabelle heran.




Bild 6: Zusammenhang zwischen Temperatur und Wasserdampfsättigungsdichte


Nehmen wir, an die Raumluft hat eine Temperatur von +20°C und eine rel. LF von 50%. Dann sind das absolut 17,3 x 0,5 = 8,65 g Wasser in jedem m³ der Raumluft. Diese Menge ist tatsächlich in der Luft enthalten. Diese Luft "wandert" aufgrund des geringen Diffusionswiderstandes auch durch den Schrank, also durch das Holz der Tür und durch die Handtücher.

Diese Luft mit 8,65 g/m³ gelangt nun in kältere Regionen. Zur Erinnerung: wir haben weiter oben von Minusgraden gelesen. Die Lufttemperatur zwischen Schrank und Außenwand hat nur rd. -16,7°C. Wir wissen weiterhin, dass kalte Luft nicht so viel Feuchte aufnehmen und halten kann wie warme. In unserem Beispiel bedeutet das: die 16,7°C kalte Luft kann maximal 1,3 g Wasser je m³ Luft aufnehmen. Da aber Luft mit 8,3 g/m³ Wassergehalt durch Diffusion ankommt, ist die Sättigungsgrenze rasch überschritten.
 

Temperatur 5,0 10,0 15,0 20,0
max. Wasserdampfmenge  [g/m³] 6,8 9,4 12,8 17,3
rel. LF 127,2% 92,0% 67,6% 50,0%
Wassermenge [g/m³] 8,65 8,65 8,65 8,65

Tabelle 2: Zunahme der rel. LF mit abnehmender Temperatur


Tabelle 2 verdeutlicht, wie die rel. LF steigt, wenn die Temperatur abfällt. Über 100% kann sie natürlich nicht ansteigen, insofern ist der Wert für Lufttemperatur 5°C rein theoretischer Natur. Wenn es anders wäre, würde im Regenwald nicht ständig das Tauwasser von den Blättern und Ästen abtropfen.
 

Taupunkttemperatur in °C bei einer relativen Luftfeuchte von
'C 30% 35% 40% 45% 50% 55% 60% 65% 70% 75% 80% 85% 90% 95%
30 10,5 12,9 14,9 16,8 18,4 20,0 21,4 22,7 23,9 25,1 26,2 27,2 28,2 29,1
29 9,7 12,0 14,0 15,9 17,5 19,0 20,4 21,7 23,0 24,1 25,2 26,2 27,2 28,1
28 8,8 11,1 13,1 15,0 16,6 18,1 19,5 20,8 22,0 23,2 24,2 25,2 26,2 27,1
27 8,0 10,2 12,2 14,1 15,7 17,2 18,6 19,9 21,1 22,2 23,3 24,3 25,2 26,1
26 7,1 9,4 11,4 13,2 14,8 16,3 17,6 18,9 20,1 21,2 22,3 23,3 24,2 25,1
25 6,2 8,5 10,5 12,2 13,9 15,3 16,7 18,0 19,1 20,3 21,3 22,3 23,2 24,1
24 5,4 7,6 9,6 11,3 12,9 14,4 15,8 17,0 18,2 19,3 20,3 21,3 22,3 23,1
23 4,5 6,7 8,7 10,4 12,0 13,5 14,8 16,1 17,2 18,3 19,4 20,3 21,3 22,2
22 3,6 5,9 7,8 9,5 11,1 12,5 13,9 15,1 16,3 17,4 18,4 19,4 20,3 21,2
21 2,8 5,0 6,9 8,6 10,2 11,6 12,9 14,2 15,3 16,4 17,4 18,4 19,3 20,2
20 1,9 4,1 6,0 7,7 9,3 10,7 12,0 13,2 14,4 15,4 16,4 17,4 18,3 19,2
19 1,0 3,2 5,1 6,8 8,3 9,8 11,1 12,3 13,4 14,5 15,5 16,4 17,3 18,2
18 0,2 2,3 4,2 5,9 7,4 8,8 10,1 11,3 12,5 13,5 14,5 15,4 16,3 17,2
17 -0,6 1,4 3,3 5,0 6,5 7,9 9,2 10,4 11,5 12,5 13,5 14,5 15,3 16,2
16 -1,4 0,5 2,4 4,1 5,6 7,0 8,2 9,4 10,5 11,6 12,6 13,5 14,4 15,2
15 -2,2 -0,3 1,5 3,2 4,7 6,1 7,3 8,5 9,6 10,6 11,6 12,5 13,4 14,2
14 -2,9 -1,0 0,6 2,3 3,7 5,1 6,4 7,5 8,6 9,6 10,6 11,5 12,4 13,2
13 -3,7 -1,9 -0,1 1,3 2,8 4,2 5,5 6,6 7,7 8,7 9,6 10,5 11,4 12,2
12 -4,5 -2,6 -1,0 0,4 1,9 3,2 4,5 5,7 6,7 7,7 8,7 9,6 10,4 11,2
11 -5,2 -3,4 -1,8 -0,4 1,0 2,3 3,5 4,7 5,8 6,7 7,7 8,6 9,4 10,2
10 -6,0 -4,2 -2,6 -1,2 0,1 1,4 2,6 3,7 4,8 5,8 6,7 7,6 8,4 9,2

Tabelle 3: Taupunkttabelle, Bereich +10°C bis +30°C


Die Tabelle 3 ist eine Taupunkttabelle, die von +10°C bis +30°C reicht. Tiefer muss man eigentlich nicht gehen, weil die Raumtemperaturen im Normalfall nicht unter 16°C liegen und weil die kritische Oberflächentemperatur bei rd. +13°C liegt. 50% rel. LF bei +20°C Raumlufttemperatur bedeuten, die Luft enthält je m³ 8,65 g (siehe Tabelle 2) und die Taupunkttemperatur liegt bei +9,3°C. Diese 8,65 g Wasser je m³ Luft sind bei nur noch +10°C bereits 92% rel. LF und die Taupunkttemperatur liegt bei +8,4°C. Der vergleich in Tabelle 3 zeigt zudem, dass sich die Taupunkttemperatur mit zunehmender rel. LF infolge sinkender Raumlufttemperatur immer mehr der Raumlufttemperatur annähert.

            rel. LF
 q [°C]
70% 80% 90% 100%
-20 -24 -22 -21 -20
-15 -18 -16 -15 -15
-10 -13 -11 -11 -10
-5 -8 -7 -6 -5
0 -4 -3 -2 0
5 0 2 3 5

Tabelle 4: Taupunkttabelle, Bereich +5° bis -20°C / rel. LF 70 - 80 - 90 -100%


Zusammenfassung:
Aus der Tabelle zur Wasserdampfsättigungsdichte und der Taupunkttabelle leiten wir ab:
1.) mit abnehmender Temperatur kann die Luft immer weniger Wasserdampf halten
2.) mit abnehmender Temperatur sinkt der Taupunkt
3.) mit abnehmender Temperatur steigt die rel. LF
4.) mit zunehmender rel. LF nähert sich der Taupunkt der Raumlufttemperatur an
5.) bei einer rel. LF = 100% gilt: Taupunkt = Raumlufttemperatur


+20°C




Wasserdampfsättigung bei 17,3 g/m³
rel. LF = 50% (8,65 von 17,3)
Taupunkttemperatur = +9,3°C
= 10,7°C unter Raumlufttemperatur



+10°C


 

Wasserdampfsättigung bei 17,3 g/m³
rel. LF = 92% (8,65 von 9,4)

Taupunkttemperatur = +8,4°C
= 1,6°C unter Raumlufttemperatur




Bild 7: der Zusammenhang zwischen Raumlufttemperatur,
           Wasserdampfdichte in der Luft
           relativer Luftfeuchte und Taupunkttemperatur

Was sagt und das in unserem konkreten Beispiel? Die Naturgesetze lassen sich auch nicht mittels WDVS austricksen. Kenntnis der Grundlagen in Kombination mit der Befähigung zum Berechnen und zum Ziehen logischer Schlüsse war schon immer hilfreicher als Gesundbeten und Schönrechnen.

Was tun? Das einfachste wäre zu raten, den Schrank raus zu nehmen. Das löst zwar partiell das Schimmelproblem an der bisherigen Stelle, schafft aber ein neues. Der Schrank im Schlafzimmer gehört nun mal zu den ganz normalen Nutzungsumständen einer Wohnung. Den Schrank von der wand weiter abrücken, genügt nicht. Ein Baumangel liegt aber auch nicht vor. Also: was tun?

Die Lösung: hat sich Schimmel gebildet, ist er fachgerecht zu beseitigen. Dann ist der Bereich zu temperieren. Mit einfachen Mitteln geht das viel billiger (besser ausgedrückt: kostengünstiger) und wirksamer als mit einem WDVS von außen. Einen wesentlichen Nachteil hat diese Lösung allerdings: für bestimmte Beteiligte ergeben sich signifikante umsatztechnische Beeinträchtigungen.


Bauphysik für jedermann - Teil 4
Der Schrank und die Bauphysik:
4.2 Praxis: ein Mess- und Beratungs-Beispiel


Ein Beispiel aus dem richtigen Leben. Frau B. im B. weg aus B. ruft den Bauschverständigen Haus-Klinik® zu Hilfe, weil akuter Verdacht auf Schimmelbefall vorliegt. Der Hausbesuch erfolgte in der ersten Märzhälfte 2009, die Außenlufttemperatur betrug +5°C.


 

Bild 8 und 9: Fotos zum Ortstermin, Schrank im Schlafzimmer vor der Außenwand


Bei diesem Beispiel steht der Schrank im Schlafzimmer. Er hat keine Füße, unten ist alles zu. Oben reicht er fast bis an die Decke heran, links sind es ca. 4 cm Abstand zur Wand (hier: die Innenwand zum benachbarten Wohnzimmer). Rechts sind es ungefähr 20 cm Abstand zur Wand. Man erkennt den Heizkörper unterm Fenster, der zum Zeitpunkt der Besichtigung an und warm war.

Der Thermo-Hygro-Sensor konnte zwar rechts vom Schrank um die Ecke herum in den Luftspalt gehalten werden. Aber die 10 cm Abstand davon der Ecke liefern kein anders Ergebnis als rechts vom Schrank.

Also wurde kurz entschlossen ein Loch gebohrt, um mit dem Pyrometer (IR Thermometer, berührungslose Messung) die Wandoberflächentemperatur dahinter zu messen. Dazu muss man sich ein klein wenig beeilen, denn die zuströmende Luft erwärmt die Wandoberfläche und so wird mit der Zeit das Ergebnis verfälscht..

Der aufmerksame Leser wird bereits erkannt haben, dass dieses Praxisbeispiel sehr gut zu dem theoretischen aus Kapitel 4.1 passt. Hier kommen alle ungünstigen Umstände zusammen, so dass sich Schimmel bilden muss.


Bild 10: der ausgeräumte Schrank mit dem Loch für die Messung

Die Außenwand ist eine Leichtbauwand, eine Sandwich-Konstruktion aus Ortschaum zwischen Hartfaserplatten. Innen Tapete, außen Putz. Die Außenwand wurde nach ein paar Jahren Standzeit mit einem WDVS ergänzt, sozusagen eine Aufdoppelung einer Styropor-Wand mit Styropor. Also jede Menge Wärmedämmung mit einem U-Wert < 0,20 W/m²K.

Folgende Werte wurden gemessen:
Außenlufttemperatur: +5°C
mitten im Raum +19°C und 58% rel. LF
Wandoberfläche Außenwand in 1,6 m Höhe in Nähe des Heizkörpers (Bild 8): +20°C
Wandoberfläche Außenwand kurz über der Sockelleiste: +15,4°C
Wandoberfläche Außenwand hinter dem Bohrloch im Schrank: +12,6°C (dann auf +13,5°C ansteigend)
Wandfeuchte Referenzflächen: o.A.
Wandfeuchte Schlafzimmerecke auf Stockflecken: 15-16 digits
Wandfeuchte Außenwand hinter dem Bohrloch im Schrank:17-18 digits

Die Wandoberflächentemperatur lag also im kritischen Bereich, +12,6°C sind grenzwertig (vergl. Kapitel 4.1 oben). Dabei hat bereits eine Abtrocknung stattgefunden und +5°C sind alles andere als extrem für die Außenlufttemperatur. Da drängt sich geradezu die Frage auf, ob die gemessene Situation anhand der Schemata der U-Wert-Theorie darstellbar ist.




Bild 11: berechneter Temperaturverlauf, +19°C innen, +5°C außen (die Kurve endet weiter unten bei +5°C)


Die Wand hat, unter Berücksichtigung von 20 cm EPS 040 (Styropordämmung mit l = 0,04 W/mK) und unter Einbeziehung des Schrankes als Innendämmung) einen U-Wert von ca. 0,08 W/m²K. Die berechnete Wandoberflächentemperatur der Außenwand innen beträgt bei +5°C Außentemperatur rd. +5,1°C bei einer berechneten Oberflächentemperatur der Schrankrückwand von ca. +10,3°C.




Bild 12: berechneter Temperaturverlauf, +19°C innen, -10°C außen


Die Temperaturkurve in Bild 11 sagt aus: die berechnete Wandoberflächentemperatur der Außenwand innen beträgt bei -10°C Außentemperatur rd. -9,9°C bei einer berechneten Oberflächentemperatur der Schrankrückwand von ca. +1,05°C. Im Winter 2008/2009 gab es über längere Zeit Temperaturen um die -10°C, auf jeden Fall weit unter +5°C. Das bedeutet, dass die Wandoberfläche mit Temperaturen unter 0°C tief im kritischen Bereich lag. Die Folge: Tauwasserbildung und Schimmelentstehung.

Wenigstens bei diesem Beispiel wird keiner auf die Schnapsidee kommen und von Schimmelpilzprävention mittels WDVS erzählen. Da die Wand schon fast zu 85% aus Styropor besteht und das WDVS bereits angebracht ist, erübrigen sich diesbezügliche Überlegungen. Wie heißt es doch so schön? "Der Unterscheid zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis am größten."

Die Empfehlung für die Sanierungslösung lautete in Kurzform:
- Schrank abbauen
- Tapete entfernen
- Schimmelvernichter Wand und Schrank
- Sporenvernichter ganze Wohnung d.h. inklusive Schrankinhalte
- Wand und Decke mit ThermoShield streichen
- Temperierung hinterm Schrank
   Var. a) Heizrohr weiter schleifen
   Var. b) mit einem Heizkabel
   Var. a dürfte zweckmäßiger sein und die
Ausführung wie im Beispiel:

Temperierung der Außenwand im Keller statt teurer Injektion

Vorteil: mehr Konvektion, erwärmt Wandoberfläche. besser
- bei Schrank-Wiederaufbau: 10-12 cm Wandabstand

23.03.2009
DIMaGB

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